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Ist das Kunst oder kann das weg?

Woran Sie Kunst erkennen

In diesem Beitrag möchte ich Ihnen eine kleine Hilfestellung geben, wenn Sie das nächste Mal vor einem für Sie nicht ganz so eindeutigen Kunstwerk stehen und sich innerlich fragen: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“
Als Kunstberaterin stehe ich immer wieder vor der Aufgabe für meinen Kunden objektiv zu entscheiden, ob das Werk, das ich für ihn gefunden habe, tatsächlich Kunst ist und zwar ohne meinen eigenen Geschmack dabei zu beachten und auch wenn ich das Werk alles andere als ansprechend finde.
Hier verrate ich Ihnen vier Kriterien, die sich für mich im Laufe der vielen Jahre Auseinandersetzung mit Kunst als deren Eigenschaften herauskristallisiert haben und derer ich mich bei der Definition von Kunst bediene. Oft wurden mir auch diese Kunst-Charakteristika in Gesprächen mit Künstlern, Sammlern und Käufern auf die Frage „Was ist Kunst für Sie?“ genannt.
Natürlich kann man sich über den Geschmack streiten, erst recht über den Kunstgeschmack. Die folgenden Merkmale sind auch nicht das Nonplusultra. Gern können Sie Ihre Sicht der Dinge in den Kommentaren äußern oder die Liste ergänzen. Es sind meine über Jahre gesammelten Erfahrungswerte, die ich hier mit Ihnen teile. Dadurch hoffe ich Ihnen ein wenig mehr Sicherheit bei Ihrer nächsten Kaufentscheidung zu geben und möchte Sie dazu ermuntern mehr auf Ihre Intuition zu vertrauen als auch in ein (durchaus kritisches) Gespräch mit dem/der Künstler*in, Galerist*in, Kunsthändler*in oder anderen Kunstrezipienten zu treten.

4 Kriterien anhand derer Sie Kunst erkennen

1. Kunst hat immer eine Botschaft

Kunst hat immer eine Botschaft - Art Consulting Mese - Ist das Kunst oder kann das weg
Diese Botschaft kann eine klare Aussage/ein Statement sein. Es kann aber auch ein bestimmtes Thema behandeln, wie z. B. Klimaerwärmung (siehe die Wellenserie von Robert Longo) oder die unterschiedlichen Rollen der Frau (siehe Cindy Sherman).
Hierbei kann die Frage nach der Intention/Absicht des/der Künstler*in aufschlussreich sein. Will mich die/der Künstler*in auf einen bestimmten Aspekt aufmerksam machen? Will er/sie mir etwas Besonderes zeigen, z.B. seine Sicht der Dinge. Oder kritisiert er/sie allgemein die gesellschaftliche Einstellung, Umgang zu einem bestimmten Thema?
WAS will mir der/die Künstler*in mit dieser Darstellung vermitteln? Welche Aussage beinhaltet dieses Kunstwerk (für mich)?
Dabei muss die Kunst nicht zwingend kritisch oder sogar provozierend sein. Sie kann es. Bei politischen Themen ist sie es auch meistens. Ein Kriterium für Kunst ist es nicht zwingend. Wesentlich ist: Kunst beschäftigt sich mit einem Thema, Motiv, gesellschaftlichen Aspekt. Folglich taucht der/die Künstler*in in sein Bereich ein und liefert uns gestalterische Inhalte.
Folglich ist Kunst nie leer – es sei denn sie behandelt die Leere als Thema. Für mich hat Kunst immer einen Inhalt, der nicht zwingend kritisch oder provozierend sein muss. Jedenfalls bin ich nach der Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk schlauer als davor, sei es durch eine Sichtweise, Impuls, Erkenntnis, Hinweis auf meine Emotionen, Meinung oder auch dessen Bestätigung, zumindest durch einen interessanten Dialog mit dem/der Kunstschaffenden oder anderen Rezipienten des Werkes.

2. Kunst berührt. Sie weckt Emotionen in uns. (Resonanz)

Art Consulting Mese - Ist das Kunst oder kann das Weg. Emotionen
Perfekt funktioniert das Regen von Gefühlen bei Tabus oder zumindest prekären Themen, da wir hierbei immer eine eigene Meinung haben und daher uns einer emotionalen Reaktion gar nicht entziehen können. Dabei können diese positiv oder negativ sein. Selten lässt uns Kunst kalt. Es sei denn, wir wollen uns mit dem Inhalt (s.o.) nicht beschäftigen, dann ist es jedoch eher Ablehnung und weniger keine Gefühlsregung.
Bei meinen Gesprächen mit Käufer*innen und vor allen Sammler*innen, wird oft die Fähigkeit uns als Mensch innerlich zu berühren, als erstes Erkennungsmerkmal für Kunst sehr schnell genannt.
Bei diesem Punkt ist die Frage nach der Resonanz sehr hilfreich: Warum kann ich mich von diesem Bild nicht abwenden? Oder: Warum träume ich noch von der Instillation, die ich in der Ausstellung gesehen habe, obwohl es schon einige Tage her ist? Oder: Warum will ich mich mit dem Thema des Werkes nicht auseinandersetzten? Bereits zu diesem Zeitpunkt träten wir mit dem Objekt (sei es ein Bild, Skulptur, Performance, Instillation oder Film/Video) in einen Dialog, der uns viel über uns selbst verraten kann.
Kunst lässt uns oft in einen Spiegel blicken. Ob das Bild, was wir darin erkennen, uns gefällt oder nicht, ist eine andere Frage. Kennzeichnend hierbei ist, dass sie uns gedanklich und emotional beschäftigt, da sie uns neue Felder eröffnet, oder an alte Wunden erinnert, oder eine Seite von uns zeigt, die uns noch gar nicht bewusst war.
Art Consulting Mese - Ist das Kunst oder kann das weg. Resonanz
Neben der Form der Resonanz zwischen dem Kunstwerk und seinem Betrachter sind noch weitere Beziehungen möglich, wie der künstlerische Entstehungsprozess an sich. In diesem Akt tritt der Künstler erstmals in einen Dialog mit dem gerade entstehenden Werk. Manchmal ist dieser auch in nachhinein der für den Kunstbetrachter sichtbar, wie z. B. bei Jackson Pollock oder den Expressionisten. Besonders stark werden wir als Betrachter in das Resonanzfeld bzw. Entstehungsprozess zwischen dem Künstler und dem Werk hineingezogen (durch unsere Beobachtung) bei der Performancekunst (z. B. Marina Abramovic oder Joseph Beuys). Hierbei ist die Performance (die Interaktion zwischen allen Beteiligten) das Kunstwerk an sich.

3. Kunst ist ein Zeugnis von künstlerischer Fertigkeit, die sich durch Erfahrungen entwickelt. (technische Umsetzung)

Art Consulting Mese - Ist dasKunst oder kann das weg. Können
In diesem Bereich wird besonders das Talent oder künstlerische Können sichtbar, denn was nützt dem/der Künstler*in die tollste Idee oder Vorstellung des Ergebnisses seines Themas bzw. Beschäftigungsfeldes, wenn er/sie es nicht in die Realität umsetzen kann?
An dieser Stelle nützen Ihnen Fragen, die sich der Gestaltungsweise widmen, wie z. B.: Wie geht der/die Künstler*in mit den Schatten, Licht, Perspektiven, Beobachterstandpunkt, Komposition, Proportionen, usw. um? Spielt er gezielt mit diesen gestalterischen Komponenten und bricht die allgemeingültigen Regeln, oder beherrscht er sie (noch) nicht. Malt er/sie abstrakt, da es für die Auseinandersetzung mit seinem Thema, Motiv, Absicht erforderlich ist bzw. ein Ergebnis eines Prozesses ist, oder kann er/sie es einfach nicht (besser).
Das Sprichwort „Übung macht den Meister“, ist hier Programm, da mit jeder Skizze, Experimentieren und neuem Werk und somit mit der Zeit wachsenden Erfahrung, wächst auch die Kompetenz der Realisierung des Erdachten in Materie. Daher ist es für Sie als Kunstkäufer*in sehr hilfreich sich auch frühere Werke des/der Kunstschaffenden anzuschauen sowie sich mit seiner/ihrer Intention zu beschäftigen. Im Vergleich erkennen Sie die Entwicklung. Bestenfalls entwickelt der/die Kunstschaffende mit der Zeit eine eigene, unverkennbare Gestaltungssprache – gern auch als Handschrift bezeichnet – und wird dadurch unkopierbar = einzigartig.
Als Beispiel möchte ich an dieser Stelle Pablo Picasso nennen. Als Sohn eines Malers kam er früh mit Kunst in Berührung. Seine frühen Werke zeigen sein Gespür für Formen, Proportionen und das Spiel zwischen Licht und Schatten. Er hat sehr gegenständlich gemalt. Im Laufe seiner künstlerischen Kariere durchlebt er unterschiedliche Phasen. Die bekanntesten sind die Blaue und Rosa Periode. Dabei Löst er sich immer mehr von der Akademielehre und entwickelt seinen eigenen Stil, der schließlich zur Polyperspektive, stark vereinfachten und verzerrten Formen und ausdrucksstarker Linienführung und Farbwahl führt. Auch in verschiedenen Gattungen (Skulptur, Druck, Assemblagen, Buchillustrationen, Bühnenbilder, Kostümen und Keramik) probiert er sich aus. Sein Spätwerk unterscheidet sich enorm von seinen früheren Arbeiten. Seine Entwicklung innerhalb seiner Themen ist sehr vielseitig und umfangreich.
Dieses Phänomen können Sie bei vielen großen Künstler*innen beobachten. Bezogen auf die Zeitgenössische Kunst ist es in meinen Augen ein Indiz für künstlerisches Potenzial, das wiederum eine Förderung des/der Künstler*in begründet und dem schließlich folgende Steigerung der Preise der Werke nach sich zieht.
Max Liebermann hat gesagt: „Kunst kommt vom können.“ – in diesem Bereich trifft es zu. Ist es allerdings bloßes Können, ist es eher ein Kunsthandwerk, das meisterhaft beherrscht wird, als Kunst, z. B. bei Gegenständen des allgemeinen Gebrauchs, wie Porzellan, Uhren, Kleidung nach Maß, Autos, Möbel (= Design), denn der geistige Inhalt (s.o. Punkt 1) fehlt.

4. Die Kunst ist originell. (Handschrift/USP)

ArtConsultingMese_Ist_dasKunst_Handschrift
Aus diesen drei ersten Punkten ergibt sich dann der letzte, der die Einmaligkeit noch zusätzlich unterstreicht: Die charakteristische Handschrift des/der Künstlers*in, die seine Kunst unverkennbar macht und uns als Rezipient sofort klar ist, aus wessen Hand das Kunstwerk entstanden ist.
Wenn Sie sich Kunstwerke der großen Maler der Kunstgeschichte anschauen, haben diese ihren eigenen Stil (s.o. Punkt 3, Picasso), so dass Sie als Betrachter mit ein wenig Hintergrundwissen nur anhand der Art und Weise, wie ein Motiv/Thema etc. behandelt wird, zuordnen können. Einige von ihnen haben sogar gleichen Stilrichtungen angehört, wie z.B. Claude Monet, Alfred Sisley, Camile Pissarro (Impressionismus) oder Ludwig Kirchner und August Macke (Expressionismus). Trotzdem unterscheiden sich ihre Werke durch den Duktus, Farbgebung, Motivauswahl, usw.
Die dynamischen und schnellen Pinselstriche von Ernst Ludwig Kirchner sind schwer nachzuahmen. Die Sicherheit mit der Wassily Kandinsky die Musik in Form und Farbe übersetzt und somit diese in perfekter Komposition miteinander agieren lässt, ist seine Art Töne und Symphonien mit dem Auge sichtbar zu machen. Es ist sein künstlerischer Beitrag für ein vertieftes Verständnis von Musik – einem Thema, mit dem sich viele befassen, Kandinsky jedoch auf seine Art und Weise. Dieses war in der Kunstgeschichte bis dato so einzigartig, dass es auch eine Innovation gewesen ist und somit auch inspirierend für seine Zeitgenossen sowie Künstlergenerationen, die nach Kandinsky kamen.
Dieser avantgardistische Ansatz verstärkt noch das Kriterium der Originalität in der Kunst, das besonders heute im Zeitalter der Digitalisierung immer bedeutender wird. Heute kann ein Monet so gut nachgeahmt werden, dass es mit bloßem Auge schwer von dem Original zu unterscheiden sein könnte. Trotzdem ist die historische Bedeutung, die wiederum neue Denkanstöße lieferte und Inspiration für folgende Künstler*innen gewesen war, DER essentielle Punkt.
Es geht nicht darum die Sonnenblumen von Vincent van Gogh originalgetreu nachzuahmen, sondern, dass die Art und Weise, wie es van Gogh gemalt hat, im Kontext seiner Zeit so individuell gewesen ist, dass seine Malerei lange von seinen Zeitgenossen nicht verstanden und somit nicht anerkannt war. Seine Art zu malen beinhaltete Emotionen, vermittelte Stimmung, Bewegung, die Farbe entfremdete sich vom Gegenstand und gab ihm neue Bedeutung, die Pinselführung war so bewegt, dass wir sie noch heute nachempfinden können. So wurde er zum Vorreiter der Moderne, gern auch neben Paul Cézanne und Paul Gauguin als Vater der Moderne bezeichnet – vollkommen zurecht. Denn ohne van Gogh hätte sich auch die Postmoderne nicht in der Form entwickelt, wie wir sie heute kennen. Folglich ist seine Malerei bahnbrechend für die Kunstgeschichte .
Daher ist es wenig nützlich, wenn man andere Künstler kopiert oder nur nachahmt. Sich von älteren Werken, Stilrichtungen, Ideen inspirieren zu lassen, ist ein wesentlicher und auch häufiger Teil der Kunstentwicklung (=Rezeption), jedoch ist es der eigene Umgang mit dem Thema, Materie, Aspekt, o. ä. und somit die persönliche Handhabung der Umsetzung. Hieraus entsteht die unverkennbare eigene Handschrift und damit die individuelle Sprache des/der Kunstschaffenden. DAS ist der USP (=Unique Selling Point/Proposition), der der eigenen Arbeit einen avantgardistischen Tatsch verleiht. Zusammen erheben diese beiden Aspekte, die erstmals nur im Kopf existierende Eingebung, die schließlich durch den/die Künstler*in in Materie greifbar wird und an Form gewinnt, zu einem Kunstwerk.

Anmerkung

Stehen Sie vor einem Druck oder Kopie – egal wie gut sie ist – ist es KEINE Kunst. Eine Kopie ist eine Kopie und somit nie einzigartig, immer NUR ein Abbild eines bereits existierenden Kunstwerks.
Demzufolge meine ich hier einen Druck, der ein bekanntes Werk, das sich z. B. in einem Museum befindet, wiedergibt, z. B. „Adele Bloch Bauer I“ (Auch die „Goldene Adele“ genannt) von Gustav Klimt oder die „Sternnacht“ von Vincent van Gogh.

Checkliste für Ihre nächste Kunstbegegnung:

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